suparc architects schweitzer song seoul/frankfurt

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        3.1  projects
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        3.3  theory

          3.3.1  plastic space
          3.3.2  suncheonization
          3.3.3  the black borderline
          3.3.4  liquid plans
          3.3.5  korean/german moot
          3.3.6  the ulterior dimensions of the line
          3.3.7  architecture as non-objectivity

Architektur als Gegenstandslosigkeit
von Christian Schweitzer


I. Kasimir Malewitsch
(…)
Malewitsch vollzieht den Schritt in die reine Gegenstandslosigkeit zwischen 1913 und 1915 mit dem in mehreren Fassungen entstandenen Bild "Schwarzes Quadrat auf weißem Grund", das heute zu den wichtigsten Werken der geistigen Schöpfung des 20sten Jahrhunderts zählt.
(…)
Das schwarze Quadrat auf weißem Grund ist für ihn die erste Ausdrucksform der gegenstandslosen Empfindung: "das Quadrat = die Empfindung, das weiße Feld = das 'Nichts' außerhalb dieser Empfindung". Die "Null-Form", die "nackte, ungerahmte Ikone unserer Zeit", wie Malewitsch selbst dieses Bild nennt. Hier kommt für ihn jede visuelle oder empfindungsmässige Assoziation zur gegenständlich empfundenen Welt zum Schweigen. Dieser Nullpunkt - als das "befreiende Nichts" - erscheint ihm als Keimzelle einer gänzlich neuen Malerei.

Um Elemente für diese Gestaltung zu entwickeln, bedarf es, wie er schreibt, der Theorie und Logik, welche das Irrationale des Unterbewusstseins unter die Kontrolle des Bewusstseins stellen. Dennoch bleibt für diese nur eine gewisse Grundlage im Rahmen des Bewusstseins. Die endgültige Lösung, das Gestalten an sich, ist immer dem Unter- bzw. Überbewusstsein - dem Gefühlsmäßigen oder der Empfindung - vorbehalten. Mit auf der Basis der Theorie gewonnenen, elementaren und absoluten Formen suchte er die in der Erfahrung der Gegenstandslosigkeit aufklingenden "unbewussten Erregungen" auf der Leinwand erkennbar zu machen. Unabhängig von der Gegenstandswelt und deren abstrakt figurierten Reflexen in der Innenwelt des Menschen (im Sinne Kandinskys), konnte er jetzt farbige und formale Beziehungen gestalten, die jener Empfindung der reinen Gegenstandslosigkeit entsprach.
(…)

II. Ad Reinhardt

Mit einer unerbittlichen Konsequenz hat Ad Reinhardt als einziger Malewitschs Grundlagen der Gegenstandslosigkeit zu Ende gedacht und in seinen Bildern umgesetzt.
Von 1954 bis zu seinem Tod 1967 malt Ad Reinhardt ausschließlich die von ihm so genannten "black" bzw. "ultimate paintings". Die Rigorosität dieses Schrittes und die scheinbare Verengung und Verleugnung seiner künstlerischen Entwicklung weg von einer abstrakten Malerei mit farbigen geometrisch-expressionistischen Mustern verwundert. Das stets quadratische Format hat überwiegend die gleiche Abmessung, fünf Fuß auf fünf Fuß, wenige Gemälde bilden die Ausnahme. Die monochrom schwarze Bildfläche weist eine stets unveränderte symmetrische Binnenstruktur auf. Selbst die Rahmung variiert nicht. Eine schwarze, leicht hervorragende Holzleiste schützt das Bild und sichert ihm seinen eigenen Raum.
Das Kompositionsschema tritt in allen 'schwarzen Bildern' unverändert auf. Neun gleich große Quadrate erstellen das Bildfeld, wobei jedes den neunten Teil des Bildquadrats ausmacht und gewonnen wird aus der Drittelung der Seitenlängen. Dadurch, daß die Vertikalteilung im mittleren Drittel ausgespart bleibt, entsteht die optische Illusion eines Kreuzes, mit dem horizontalen Arm vor dem vertikalen.
Entscheidend ist die bei aller Wiederholung von Format und Binnenstruktur unterschiedliche Wirkung der schwarzen Bilder. Die Farbigkeit des Bleischwarz divergiert innerhalb eines Bildes und ist auch von Bild zu Bild immer eine andere. Dasselbe gilt für die größere bzw. geringere Sichtbarkeit der Kreuzillusion und für die wechselnde Dichte der matten Oberfläche, die keinerlei Pinselstruktur aufweist. So unkompliziert die formale Analyse, so beunruhigend ist die Wirkung der Gemälde. Weil die Erkenntnis der geometrischen Binnenstruktur nichts darüber hinaus sichtbar macht und die Bilder trotz der leicht definierbaren Rasterung fremd bleiben, tritt das Geheimnisvolle und Rätselhafte in Kraft.
Wie bei Malewitsch erschafft die absolute Form eine autonome Realität ohne eine individuelle Emotion. Jedoch wird Malewitschs Irrtum korrigiert, daß bereits mit dem Ausdrucks der reinen Empfindung die letzte Assoziation zur gegenständlich empfundenen Welt hinter sich gelassen wird. Die Reine Empfindung wird konsequent durch einen existenzialistischen Nicht-Sinn ersetzt, welcher nicht einmal mehr die, nach Malewitsch, höchste menschliche Eigenschaft rechtfertigen kann. Es sind für Ad Reinhardt "die letzen Bilder, die man machen kann".

(…)
Es gibt keinerlei Hinweis auf eine Beschäftigung Ad Reinhardts mit Architektur, er erwähnt sie lediglich ein einziges Mal. Im Zusammenhang mit der Konstituierung einer gegenstandslosen Architektur jedoch kommt seinen Schriften eine besondere Bedeutung zu. Der Schlüssel zu Ad Reinhardt Kunstverständnis ist sein längster zusammenhängender Text "Twelve Rules for a New Academy" von 1957. Dieser ist eine tabula rasa mit allem was in der Kunst bis zu diesem Augenblick Bestand hat. So wie bei Malewitsch sind die Prinzipien seiner Kunst absolut, und folglich die einzig Wahren. Er stellt sechs allgemeine "Neins" auf, die "stets im Gedächtnis zu behalten" sind:

1) Kein Realismus oder Existentialismus. Wenn das Vulgäre und das Abgedroschene vorherrschen, flaut der Geist ab.'
2) Kein Impressionismus. Der Künstler sollte sich ein für allemal aus der Knechtschaft der äußeren Erscheinung befreien.' Das Auge ist eine Bedrohung der klaren Sicht.'
3) Kein Expressionismus oder Surrealismus. Sich selbst bloßzulegen', autobiographisch oder gesellschaftlich, ist obszön.'
4) Kein Fauvismus, Primitivismus oder Art Brut. Die Kunst beginnt damit, daß man die Natur loswird.'
5) Kein Konstruktivismus, keine Bildhauerei, kein Plastizismus, keine graphischen Künste. Keine Collage, kein Kleister, kein Papier, kein Sand, keine Schnur. Bildhauerei ist eine sehr mechanische Übung und verursacht Schweiß, der, mit Steinstaub vermischt, zu Dreck wird.'
6) Kein Trompe-l'oeil', keine Innenarchitektur, keine Architektur. Die gewöhnlichen Qualitäten und die üblichen Sensibilitäten dieser Tätigkeiten liegen außerhalb freier und intellektueller Kunst.

Indem er Architektur und Innenarchitektur in Zusammenhang mit Kunststilen nennt, akzeptiert und übernimmt er Malewitschs Definition von Architektur als Kunst. Im selben Atemzug entzieht er ihr als solche gleich wieder ihre generelle Legitimation.
Er wirft der Architektur als einem Stil der Moderne Trompe-l'oeil, d.h. Augentäuschung, vor. Der Architekt bediene sich einer Ausdrucksweise, durch die man zwischen Imagination und Realität nicht mehr unterscheiden kann. Worauf genau seine Kritik zielt, bleibt Spekulation. Es liegt jedoch nahe, daß er auch hier Malewitschs Analyse der Architektur als Kompromiss zwischen Ingenieurwesen und Kunst folgt. Für eine Architektur, die dem Gedanken der Gegenstandslosigkeit folgt, bedeutet dies jedoch, daß Ad Reinhardts Regeln für eine neue Kunst gleichzeitig auch auf die Architektur zu übertragen sind. "Diese Zwölf Technischen Regeln sind zu befolgen:

1. Keine Textur. Textur ist naturalistisch oder mechanisch und ist eine vulgäre Eigenschaft ... Keine Zufälle und Automatismus.
2. Keine Pinselspuren oder Kalligraphie. Hand-Schrift, Hand-Arbeit und Hand-Zuckungen sind persönlich und von schlechtem Geschmack. Keine Signatur, kein Warenzeichen. ...
3. Kein Skizzieren oder Zeichnen. Alles, wo anzufangen und wo aufzuhören ist, sollte vorher in Gedanken festgelegt sein. ... Keine Linie, kein Umriss. ... Keine Schattierung oder Streifenmalerei.
4. Keine Formen. Das Schöne hat keine Gestalt.' Keine Figur, kein Vorder- oder Hintergrund. Kein Volumen, keine Masse, Kein Zylinder, keine Kugel, kein Konus oder Kubus oder Boogie-Woogie. Kein Druck oder Zug. Keine Gestalt oder Substanz.'
5. Kein Design. Design ist überall.'
6. Keine Farben. Farbe blendet.' Farben sind ein Aspekt der äußeren Erscheinung und deshalb nur der Oberfläche' und sind eine ablenkende Verzierung.' Farben sind barbarisch, instabil, täuschen Leben vor, sind nicht vollständig zu beherrschen' und sollten verborgen werden.' Kein Weiß. Weiß ist eine Farbe und alle Farben.' Weiß ist antiseptisch und nicht künstlerisch ...' Weiß auf Weiß ist ein Übergang von Farbe zu Licht' und eine Leinwand für die Projektion von Licht' und bewegten' Bildern.
7. Kein Licht. Kein helles oder direktes Licht in oder über dem Gemälde. Schwaches, nicht-reflektierendes Spätnachmittags-Zwielicht draußen ist am besten. ...
8. Kein Raum. Raum sollte leer sein, sollte nicht hervorragen und sollte nicht flach sein. ... Der Rahmen sollte das Gemälde von seiner Umgebung isolieren und es davor schützen. Raumeinteilungen innerhalb des Gemäldes sollten nicht zu sehen sein.
9. Keine Zeit. Uhr-Zeit oder Menschen-Zeit sind belanglos.' Es gibt nichts Altertümliches oder Modernes, keine Vergangenheit oder Zukunft in der Kunst. Ein Kunstwerk ist immer gegenwärtig.' Die Gegenwart ist die Zukunft der Vergangenheit, nicht die Vergangenheit der Zukunft. Jetzt und vor langer Zeit sind eins.'
10. Keine Größe und kein Maßstab. Weite und Tiefe des Denkens und Fühlens in der Kunst haben keine Beziehung zu physischer Größe. Große Formate sind aggressiv, positivistisch, zügellos, käuflich und schamlos.
11. Keine Bewegung. Alles ist in Bewegung. Kunst sollte reglos sein.'
12. Kein Objekt, kein Subjekt, keine Materie. Keine Symbole, Abbilder oder Zeichen. Weder Freude noch Schmerz. Kein geistloses Arbeiten oder geistloses Nicht-Arbeiten. Kein Schachspielen.

Diese Forderungen sind radikal. Eine Vielzahl von ihnen scheinen auf den ersten Blick in der Architektur nicht umsetzbar zu sein. Aber selbst die gegenstandslose Malerei kann sich nicht von ihrem gegenständlichen Medium, der auf einen Rahmen gezogene, mit Farbe bemalten Leinwand, lösen. Gegenstandslose Bilder werden immer eine Form und eine Größe haben. Demnach können sie nie gegenstandslos sein. Philosophisch betrachtet sind sie dennoch gegenstandslos, wenn sie in dem Bewusstsein entstanden sind, gegenstandslos zu sein, und die Mittel Anwendung finden, die dies darstellen.
Unter diesem Aspekt kann auch die Architektur den Schritt in die Gegenstandslosigkeit machen. Dafür muss Architektur in der Absicht gestaltet werden, gegenstandslos zu sein, mit den bewusst entwickelten Mitteln, dies auszudrücken. Die Materie des Gebauten muss zur Leinwand werden, die hinter dem Ausdruck der Gegenstandslosigkeit verschwindet. Die bautechnischen Notwendigkeiten verlieren dadurch ihre Bedeutung für den Inhalt und das Dargestellte, sie werden als Begründung und als Legitimation der Architektur obsolet.
(…)

III. Ludwig Mies van der Rohe

In der Architektur setzte sich in der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts der Funktionalismusgedanke in dem "International Style" gegen expressionistische und kubistische Tendenzen durch. Die klassische Moderne bekam durch ihre enge Verbindung zur Kunst, sei es am Bauhaus oder in der De Stijl Gruppe, den Stellenwert eines Pendant zur Abstrakten Kunst. Auch wenn sie hierfür formale Merkmale aufweist, wie die Reduktion des Gebäudekubus auf elementare Formen und das Ersetzen des figurativen Ornaments zugunsten einer puristischen Ästhetik, bleibt sie dennoch inhaltlich weit hinter den philosophischen Methoden der Abstraktion zurück. Die Forderung, die konkrete Realität als eine Schicht der Täuschung vor dem eigentlichen Wesen der Dinge abzuziehen, um somit die allein gültige Ordnung des Seins freizulegen, erfüllte sie nicht. Die Realität der Funktion und der Technik nicht länger abzubilden, sondern eine neue Realität zu erschaffen, blieb sie schuldig.
Die dominante Stellung eines, nicht mehr in Frage, gestellten Funktionalismus vereitelte jeden Versuch einer gegenstandslosen Architektur. Jede Äußerung, die die Grenzen der sinnlich wahrnehmbaren Welt zu überschreiten suchte, konnte mit dem Hinweis auf ihre Afunktionalität ad absurdum geführt werden. Während der 30ger Jahre erkannten die Leitfiguren der Moderne, daß der reine Funktionalismus, den sie selbst entwickelt hatten, eine Sackgasse ist. Dass der ideelle Wert eines Gebäudes, nach Le Corbusier die "Erregungen und Bewegungen im Menschen", sich eben nicht über die reine Zweckmäßigkeit und Rationalität konstituiert. Es entstand das Bedürfnis darüber hinaus zu gehen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen Architekten wie Le Corbusier ihre rationalistische Architektur mit einer emotional aufgeladenen, expressiven Formensprache und Materialität zu verbinden. Doch so wie Le Corbusiers Bilder gegenständlich bleiben, reichen auch diese Ansätze inhaltlich nicht über eine expressionistische Architektur hinaus.

Ludwig Mies van der Rohe löst diesen Konflikt für sich, indem er zu einer abstrakten Architektur gelangt und sich darüber hinaus intuitiv der gegenstandslosen Denkweise annähert. Mit der Auswanderung in die Vereinigten Staaten 1938 wendet sich Mies in der Suche nach ideellen Werten entgültig den Absoluta der reinen Konstruktion und des reinen Raums zu.
Er sieht den Versuch, die Architektur von der Form her zu erneuern, als gescheitert an. Die Erfindung von Formen führt ins Leere und geht über das "Zeitmaß einer Mode" nicht hinaus, ist damit vergänglich und laut Malewitsch wertlos. Absolute unvergängliche Werte entstehen nur dort, wo die Konstruktion Träger der Raumgestalt und somit Sinnträger des geistigen Inhalts ist. Exemplarisch dafür sind für Mies Romanik und Gotik. Daher kann eine Erneuerung der
Architektur nur von der Konstruktion erfolgen und nicht durch willkürlich herangebrachte Motive". "Bau und Sinn sind eins. Die Bauweise ist von ausschlaggebender und zeugnishafter Bedeutung. Die Konstruktion bestimmt nicht nur die Form, sondern ist die Form selbst.
(...)
Ludwig Mies van der Rohe geht als erster den Schritt in eine wahrhaft abstrakte Architektur. In seinem Streben nach dem Absoluten der reinen Konstruktion und des reinen Raums erreicht er eine völlige Abstraktion des Ausdrucks des Gebauten. br>Dennoch bleibt dieses Konzept fraglich. Die Konstruktion unterliegt dem Ingenieurswesen und damit einer fortschreitenden Entwicklung. Mies greift auf Konstruktionsprinzipien zurück die schon seit Jahrzehnten im Industriebau eingesetzt wurden. An welchen Punkt der Entwicklung ist also die Konstruktion "rein" und damit absolut? Mies erkannte nicht, daß die Konstruktion, so wie er sie einsetzte, nur noch den Stellenwert einer abstrakten Repräsentation von Konstruktion hat und damit ihre Bedeutung zugunsten des Konzepts des reinen Raums in den Hintergrund tritt. br>Mit diesem Umstand nähern sich seine Bauten einer gegenstandslosen Architektur an, in der Konstruktion nicht Mittel sondern Hilfskonstrukt ist. Für eine gänzlich gegenstandslose Architektur muss man in Abwandlung der Aussage von Mies fordern: Weder Form noch Konstruktion ist das Ziel, sondern das Resultat der Arbeit.


IV. Jean Nouvel

In den 60ger Jahre spielen philosophische Konzepte der Abstraktion und Gegenstandslosigkeit nur noch eine untergeordnete Rolle. Constant entwickelte 1960 sein "Neu Babylon", das auf einer illusorischen "neuen gesellschaftlichen Organisation" und einer unerfüllbaren "Umwandlung der Moral und des Denkens" aufbaut. Seine Visionen hätten eine Restrukturierung der menschlichen Psyche hin zu einem abstrakten Menschen erfordert und bleibt damit in einer Utopie, die entgegen seiner Meinung nie Realität werden kann.
1962 riefen Hans Hollein und Walter Pichler eine "Absolute Architektur" aus, die, "befreit von ihrem eigentlichen Gegenstand, dem Menschen", Gegenstandslosigkeit erreichen soll. Architektur soll nur um ihrer selbst willen entstehen, zweckfrei sein, "nicht dienen sondern herrschen". "Der Mensch ist nur mehr geduldet in ihrem Bereich, er wird darin ersticken oder leben." Diese Forderung gehört wohl zu den radikalsten Thesen in den Manifesten zur Architektur und kam über das Stadium einer Absichtserklärung nie hinaus.

Die weitere Entwicklung in der Architektur manifestiert sich in Brutalismus, Neo-Moderne, Postmoderne, Dekonstruktivismus, Minimalismus, Skulpturalismus, Postpostmoderne. Alles ist möglich, nichts hat Bestand, Kopien von Kopien, kurzlebige Moden, im Augenblick ihres Entstehens schon wieder obsolet. Neue Inhalte werden verarbeitet durch Neuarrangements alter Konzepte und Ausdrucksformen, erweitert nur durch neue technische Entwicklungen. Die Architektur bringt dies jedoch in ihren Grundsätzen nicht weiter. Nur noch vereinzelt finden sich interessante Aspekte im Hinblick auf eine gegenstandslose Architektur.

Jean Nouvel kommt hier eine besondere Bedeutung zu. Seine Arbeit spiegelt das Bestreben wider, Architektur immateriell zu machen, sie inhaltlich und formal zu abstrahieren und aufzulösen. Zu seiner grundsätzlichen Architekturauffassung äußert sich Nouvel nur spärlich, jedoch lassen sich starke Parallelen zu den Beobachtungen der Medien- und Technologiekritiker McLuhan, Virilio und Baudrillard feststellen. So schreibt Paul Virilio:
Die Stadtplanung kommt ins Schleudern, die Architektur wandelt sich ständig, die 'Bleibe' ist nurmehr die Anamorphose einer Schwelle. Abgesehen von der historischen Nostalgie liegt Rom nicht mehr in Rom und die Architektur nicht mehr in der Architektur, sondern in der Geometrie und im Zeit-Raum der Vektoren. Die Ästhetik der Gebäude verschwindet in den special effects der Kommunikations- und Verkehrsmaschine, in ihren Transport- und Übertragungsapparaten. ... Auf die Architektur als Skulptur folgt die Künstlichkeit der Kinematographie, im eigentlichen wie im übertragenen Sinne: die Architektur ist nun selbst zum Film geworden. Die Stadt wird abgelöst von einer ungewöhnlichen Motorik, einem riesigen dunklen Vorführraum zur Begeisterung der Massen, wo das Licht der (audiovisuellen und automobilen) Fahrgeschwindigkeit das Sonnenlicht ersetzt. ... Die Schnelligkeit der Fortbewegung verstärkt nur die Abwesenheit.

Aus diesem Bewusstsein entwickelte Nouvel unter anderem auch Konzepte und Ästhetiken, die im Hinblick auf eine gegenstandslose Architektur Ad Reinhardts Forderungen erfüllen würden. Besonders deutlich wird dies im Onyx-Kulturzentrum in Saint-Herblain von 1987-1988.

Das Gebäude steht auf einem zehn Hektar großen, dreieckigen Parkplatz, der zu einem Supermarkt und einem Baumarkt gehört. Der Parkplatz läuft auf einen kleinen künstlichen See zu, um den herum ein Park angelegt werden soll. Das gesamte Gelände definiert sich über das Auto und den Kommerz, aktiv bei Tag, tot in der Nacht.
Nouvel setzt einen perfekten, schwarzen Würfel an die Spitze des Dreiecks etwas außerhalb der Achse, der zur Hälfte aus der Asphaltfläche zu ragen scheint. Der Fassade aus schwarzem Beton und zwei großformatigen Fensterflächen wird in einem geringen Abstand ein schwarzer umlaufender Gitterrost vorgeblendet. Dadurch kann kein Licht mehr von der Betonfläche reflektiert werden, es wird gänzlich geschluckt. Der Effekt ist verstörend; es entsteht eine völlig lichtabsorbierenden Fläche, ein schwarzes Loch.
Der Zuschauerraum und das Foyer folgen dem sich strikt rechtwinklig definierenden Äußeren. Sie sind gänzlich mit galvanisierten Metallplatten ausgekleidet, der Boden ist aus poliertem Beton, Licht kommt nur von roten Leuchten, die hinter Metallgittern in die Wände und Decken eingelassen sind - düstere, desorientierende Nichträume.
Im Keller unterhalb des Foyers befindet sich eine große leere Halle ohne jegliche Funktion. Ein Raum ohne Inhalt und Bedeutung, ein Kontrapunkt, der dem Spektakel, das darüber stattfindet, entgegenwirkt, es negiert, es philosophisch betrachtet wie das Licht außerhalb absorbiert und dadurch selbst dem Spektakel seine Funktion nimmt.

Onyx entstand aus der Reaktion auf den Kontext, die Peripherie, in Verbindung mit Nouvels grundsätzlichem Thema der Immaterialität, dem durch das Computerzeitalter eine besondere Bedeutung zukommt. Boissière vergleicht es mit dem gegenstandslosen Monolith aus Kubriks 2001 Odyssee im Weltraum'. Für Morgen ist es das erste virtuelle Gebäude und die erste gebaute Repräsentation des Cyberspace. Diese Gebäude wurde jedoch nicht in dem Bewusstsein entwickelt, Gegenstandslosigkeit erreichen zu wollen. Da aber die Themen Immaterialität und Peripherie hier eine inhaltlich wie formal fast gegenstandslose Architektur entstehen lassen, zeigt sich im Umkehrschluss die Relevanz einer Gegenstandslosen Architektur für die Gegenwart.


V. Gegenstandslose Architekture

Es bleibt die Frage nach dem Warum. Warum gegenstandslose Architektur machen? Nur weil es machbar wäre? Weil sie Relevanz für die Gegenwart hätte? Dass die Gegenstandslosigkeit in der Architektur fundamentale Auswirkungen haben würde ist unbestreitbar. Für alle Disziplinen, in die sie Einzug fand, wie Kunst, E-Musik, Philosophie etc., waren die Konsequenzen irreversibel.
Mit den "letzten Bildern dieses Jahrhunderts", die das philosophische Konzept der Gegenstandslosigkeit hervorgebracht hat, hat sich das Verständnis von Malerei und von Kunst an sich verändert. Diese Bilder transportieren weder Inhalt noch Aussage. Ihre Legitimation beziehen sie einzig aus ihrer bloßen Existenz, Kunst ist nur noch Kunst. Damit hat sie ihre traditionelle gesellschaftliche Funktion abgelegt. Kunst muss heute weder gut noch schön, weder erbauend noch bildend, nicht einmal mehr visionär sein, um Relevanz zu haben.
In der klassischen Malerei, traditionell die höchste Kunst, wurden neue Inhalte immer durch die Entwicklung neuer Mittel des Ausdrucks transportabel gemacht. Sei es durch neue Maltechniken oder neue Darstellungsformen. Dadurch, dass die Malerei in der Gegenstandslosigkeit keinen Inhalt mehr vermittelt, keine Aussage mehr hat, dadurch, dass in dieser Malerei "Nichts" dargestellt wird, konnte nie wieder durch die Mittel der Malerei etwas dargestellt werden, was darüber hinausgeht. Damit hat sich Malerei selbst ad absurdum geführt, sich erschöpft. Lucio Fontanas drückt diesen Konflikt 1962 mit dem Zerschneiden der leeren Leinwand aus.
Die Malerei hat ihren Stellenwert als die höchste Kunst verloren. Zwar werden neue Inhalte weiterhin mit dem Medium Malerei ausgedrückt, jedoch gingen neue Tendenzen in der Kunst nie mehr vom Medium Malerei aus. Es ist nichts entstanden, das die Malerei an sich weiterentwickelt hätte. Die Kunst, in der Suche nach weiterführenden Ausdrucksmitteln, hat die Malerei verlassen und sich anderer Medien bemächtigt.

Architektur hat die Aufnahme der Gegenstandslosigkeit, als eines der wichtigsten geistigen Potentiale des 20sten Jahrhunderts, nie vollzogen. Sie bleibt daher in ihren grundsätzlichen Strukturen und Mechanismen im Gegensatz zu Kunst, Literatur, Musik, Philosophie etc. weiterhin in der Vergangenheit verhaftet. Die Auswirkungen dessen spüren wir bereits, da sich die Antworten wiederholen und in einem all-is-possible erschöpfen. Architektur läuft Gefahr, ihren Stellenwert als philosophisches und künstlerisches Konzept zu verlieren. Die Architekten sind an einen Punkt gekommen, an dem sie ihr intellektuelles Defizit nicht mehr vertuschen können. Inhalte werden weiterhin über Form, Material, Konstruktion, Textur etc. transportiert. Die Chance, das Gebäude als letztendliche Realität zu hinterfragen, wird nicht einmal mehr in Erwägung gezogen.
Wie die Kunst mit dem Verlassen der Malerei, wird die Architektur einzig über den Weg der Gegenstandslosigkeit jene neuen Ausdrucksmöglichkeiten entwickeln können, die über das Vermitteln von Inhalt durch das Gebaute hinausgehen. Auch wenn sich Bauen als Ausdrucksmittel der Architektur ad absurdum führen sollte. Die "letzten Gebäude unseres Jahrhunderts" werden noch zu entwerfen, zu bauen und zu diskutieren sein, damit das Potential der Gegenstandslosigkeit in das Wissen und Denken der Architekten aufgenommen und intellektuell verarbeitet werden kann. So wie die Kunst sich verändert hat, wird auch die Architektur sich verändern, sich verändern müssen, und wird nicht mehr das sein, was man heute darunter versteht.


Bibliographie
Kasimir Malewitsch, 'Die Gegenstandslose Welt', Bauhausbücher Nr. 11, Albert Langen Verlag, Munich, 1927
Stephan v. Wiese, 'Zwei Standpunkte: Kasimir Malewitsch und das Bauhaus', in Kasimir Malewitsch, 'Die Gegenstandslose Welt', Neue Bauhausbücher, Florian Kupferberg Verlag, Mainz, 1980, VIII
Ernst Kállai, 'Kasimir Malewitsch', in Das Kunstblatt, 11. Jg., Potsdam, 1927
Kasimir Malewitsch, 'Die Gegenstandslose Welt', Bauhausbücher Nr. 11
Max Bill, 'Concrete Art', in Zeitprobleme in der Schweizer Malerei und Plastik, 1936, reprinted in Kristine Stiles and Peter Selz, ed., 'Theories and Documents of Contemporary Art', University of California Press, Berkley/Los Angeles, 1996
Werner Haftmann, 'Kasimir Malewitsch', in Kasimir Malewitsch, 'Suprematismus - Die gegenstandslose Welt', DuMont Buchverlag, Cologne, 1962
Walter Gropius, 'Brevier für Bauhäusler (Entwurf)', spring 1924, and 'Grundsätze der Bauhausproduktion', 1926, published in Hans M. Wingler, 'Das Bauhaus 1919-1933', Verlag Gebrüder Rasch und M. DuMont Schauberg, Bramsche / Cologne, 1962, p. 90 and p. 120
Gudrun Inboden, 'Die schwarzen (quadratischen) Bilder von Ad Reinhardt', in Ad Reinhardt, Staatsgalerie Stuttgart, Stuttgart, 1985
Thomas Kellein, 'Schreibender Engel oder perfider Satan?', in Ad Reinhardt, 'Schriften und Gespräche', Verlag Silke Schreiber, Munich, 1984
Ad Reinhardt, 'Twelve Rules for a New Academy', 1953, in Art News, vol. 56, no. 3, New York, May 1957, pp. 37 - 38, 56, reprinted in Ad Reinhardt, 'Art-as-Art, The Selected Writings of Ad Reinhardt', The Viking Press, New York, 1975
Ad Reinhardt, 'The Black-Square Paintings', 1961, published as 'Autocritique de Reinhardt', in Iris-Time (Paris newsletter of the Iris Clert Galery), Paris, June 10, 1963
Mark Wigley, 'Designer Dresses: The Fashioning of Modern Architecture', The MIT Press, Cambridge, 1995
Ludwig Mies van der Rohe, lecture, Chicago, ca. 1950, published in Fritz Neumeyer, 'Mies van der Rohe, Das kunstlose Wort', Siedler Verlag, Berlin, 1986
Philip C. Johnson, 'Mies van der Rohe', The Museum of Modern Art, New York, 1953
Fritz Neumeyer, 'Mies van der Rohe, Das kunstlose Wort', Siedler Verlag, Berlin, 1986
Neil Levine, 'The Significance of Facts: Mies's Collages Up Close and Personal', in Assemblage, no. 37, MIT Press Journals, Cambridge, December 1998
Jean Baudrillard, 'Der symbolische Tausch und der Tod', Matthes & Seitz Verlag, Munich, 1982, original edition 'L'échange symbolique et la mort', Éditions Gallimard, Paris, 1976
"The form is not the objective, but the result of our work", excerpt from Ludwig Mies van der Rohe, 'Bauen', in G, no. 2, Berlin, September 1923
Constant, 'Neu Babylon', published in Constant - Amsterdam, Städtische Kunstgalerie Bochum, Bochum, March/April 1961
Hans Hollein, Walter Pichler, 'Absolute Architektur', in Hollein-Pichler, exhibition-catalog, Vienna, 1963, reprinted in Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts, Bauwelt Fundamente no. 1, Ullstein Verlag, Frankfurt / Berlin, 1964
Paul Virilio, 'Ästhetik des Verschwindens', Merve Verlag, Berlin, 1986, original edition 'Esthétique de la disparition', Éditions Balland, Paris, 1980
Olivier Boissière, 'Jean Nouvel', Éditions Pierre Terrail, Paris, 1996, p. 75, and Conway Lloyd Morgan, 'Jean Nouvel, The Elements of Architecture', Thames and Hudson Ltd, London, 1998



published in show your hand, pp. 90-93

(english) (german)





Kasimir Malevich

Kasimir Malevich, 'Black Square', 1915




Kasimir Malevich

Kasimir Malevich, 'Architection', 1924-26






Ad Reinhardt

Ad Reinhardt, 'Black Painting', 1960-66






































































































































Mies van der Rohe

Mies van der Rohe, 'Crown Hall', 1952-56

























































Jean Nouvel

Jean Nouvel, 'Onyx', 1987-88

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